Geschichte der KSA - Tutorium

Monday, January 09, 2006

Mein 2. Essay: Thema Nr. 1

Marcel Mauss

Marcel Mauss wird am 10.5.1972 in Èpinal (Frankreich) geboren. Er ist Neffe des Soziologen Èmile Durkheim, der ihn schon früh fördert. Mauss studiert an der Universität von Bordeaux Philosophie, später Linguistik, Indologie, Sanskrit und Religionswissenschaften an der Ècole Pratique des Hautes Ètudes in Paris. Gemeinsam mit Durkheim ist er Gründer und Herausgeber der Zeitschrift L’Annèe Sociologique, wo der Essai sur le don 1923/34 erstmals publiziert wird. Mauss gilt als Begründer der französischen Ethnologie. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist Mauss politisch aktiv – er ist einige Zeit Mitglied der Partie Socialiste und in der Gewerkschaftsbewegung aktiv (vgl. auch seine Moralischen Schlussfolgerungen, Die Gabe, Kapitel IV). 1931 bis 1940 lehrt Mauss am College de France in Paris Soziologie, da er jüdischer Abstammung ist, muss er das College verlassen. Er stirbt 1950 in Paris.


Essai sur le don – Die Gabe

Der „Essai sur le don stellt die erste systematische vergleichende Studie über den Gabentausch und dessen gesellschaftliche Einbettung dar.“[1]
Zwei Fragen dienen als Grundlage für Mauss Arbeit: „Welches ist der Grundsatz des Rechts und Interesses, der bewirkt, dass in den rückständigen oder archaischen Gesellschaften das empfangene Geschenk zwangsläufig erwidert wird ? Was liegt in der gegebenen Sache für eine Kraft, die bewirkt, das der Empfänger sie erwidert ?“ [2] Als Methode wählt Mauss den „präzisen Vergleich“, wofür er zahlreiches ethnografisches Material über Gesellschaften in Polynesien, Melanesien und Nordamerika sowie Dokumente und Quellen über das Rechtssystem der (frühen) Römer, der Hindus und der Germanen verwendet. Gleichzeitig handelt es sich um ein heuristisches Vorgehen: Ausgehend von einem einzelnen Vorgang werden dessen Beziehungen zu anderen Funktionen sowie dessen Wirkung auf und Einbettung in die verschiedensten Bereiche einer Gesellschaft betrachtet.

Mauss analysiert in seiner Arbeit Elemente des (melanesischen) kula und vor allem des (nordamerikanischen) potlach. Der potlach ist „eines jener Phänomene, die wir als „totale“ zu nennen vorschlagen“. [3] „In diesen ... „totalen“ gesellschaftlichen Phänomenen kommen alle Arten von Institutionen gleichzeitig und mit einem Schlag zum Ausdruck: religiöse, rechtliche und moralische – sie betreffen Politik und Familie zugleich; ökonomische – diese setzten besondere Formen der Produktion und Konsumtion oder vielmehr der Leistung und Verteilung voraus; ganz zu schweigen von den ästhetischen Phänomenen ...“ [4]

Zwei Elemente des potlach hebt Mauss besonders hervor:
(1) den Begriff des Kredits bzw. der Frist sowie
(2) den Begriff der Ehre.
Ad. (1): Beim potlach wird eine Gabe nicht unverzüglich vergolten sondern es verstreicht eine gewisse Frist. Hierin sieht Mauss – im Gegensatz zur Auffassung, dass der Verkauf gegen Kredit ein höheres Stadium der Zivilisation kennzeichne als der Verkauf gegen Barzahlung – den Ursprung des Kredits. „Die ökonomische Entwicklung hat nicht vom Tausch zum Verkauf geführt und dieser nicht von der Barzahlung zum Kredit. Vielmehr haben sich einerseits der Tauschhandel – vereinfacht durch die Zusammenziehung ehemals auseinanderliegender Zeitabschnitte – und andererseits der Kauf und Verkauf (letzterer als Bar- und Kreditkauf) sowie auch das Darlehen aus dem System der Gaben und Gegengaben entwickelt. [5]

Aufgrund der Analyse des potlach nennt Mauss drei Elemente der Gabe: die Verpflichtung des Gebens, des Nehmens und des Erwiderns. Die Verpflichtung des Gebens und Nehmens ist stark mit dem Begriff der Ehre verbunden. Für die Verpflichtung des Erwiderns einer Gabe findet Mauss eine Erklärung in der Analyse der Vorstellungswelt der Maori: hau bezeichnet den Geist, der einer Sache innewohnt. „Das, was in dem empfangenen oder ausgetauschten Geschenk verpflichtet, kommt daher, das die empfangene Sache nicht leblos ist. Selbst wenn der Geber sie abgetreten hat, ist sie noch ein Stück von ihm. Durch sie hat er Macht über den Empfänger ...“[6]


Arnold Van Gennep

Arnold Van Gennep wird am 23.4.1973 in Ludwigsburg geboren. Trotz zahlreicher Publikationen, bleibt Les rites de passage, das bereits 1909 erstmals erscheint, sein bekanntestes und bedeutendstes Werk, obwohl die Reaktionen darauf bei dessen Erscheinen durchwegs negativ sind. Lediglich von 1912 – 1915 lehrt Van Gennep an der Universität in Neuchatel (Schweiz) Ethnologie. Van Gennep ist entschiedener Kritiker der – zu seiner Zeit in Frankreich führenden - Durkheim-Schule. „Seine heftige Opposition zu Durkheim und der ganzen französischen Soziologenschule drängt ihn ... Zeit seines Lebens in die wissenschaftliche Marginalität ...“[7] Später beschäftigt sich Van Gennep vor allem mit der Ethnographie Frankreich. Er stirbt 1957 in Bour-la-Reine.


Les rites de passage – Übergangsriten

Ausgangspunkt der Arbeit ist der Versuch einer Klassifizierung von magisch-religiösen Handlungen und Riten. Van Gennep’s Analyse basiert auf dem Vergleich von zahllosen Riten aus verschiedensten Zeiten und von unterschiedlichsten Völkern. Er greift dabei auf eine Fülle von Monographien zurück, „kritisiert aber die Vorgehensweise anderer Forscher, Riten isoliert ohne Einbettung in ihren Sinnzusammenhang zu betrachten“ [8]

Bereits im ersten Kapitel postuliert Van Gennep vier Kategorien, nach denen Riten klassifiziert werden können.

· animistisch vs. dynamistisch
· sympathetisch vs. kontagiös
· positiv vs. negativ
· direkt vs. indirekt

Er betont, dass zwischen den jeweiligen Gegensatzpaaren ein Kontinuum besteht, auf dem die Riten eingeordnet werden können.

Weitaus bedeutender ist jedoch die Frage nach Funktion und Form von Riten: Van Gennep stellt fest, dass es in jeder Gesellschaft eine Vielzahl von sozialen Gruppierungen gibt (zum Beispiel Familien-, Lokal-, Alters- und Berufsgruppen). Der Übergang einer Person von einer Klasse in eine andere bringt die soziale Ordnung einer Gesellschaft in Gefahr. „Die Funktion der Riten ist es, das Individuum oder die Gruppe von einer genau definierten Situation in eine andere hinüberzuführen, Orientierung und Sicherheit zu geben und Störungen der Sozialordnung zu vermeiden. Sie sind einander ähnlich, weil sie denselben Zweck verfolgen, und Van Gennep fasst sie unter dem Begriff Übergangsriten zusammen.“ [9]

Form dieser Übergangsriten ist eine Dreiphasen-Struktur:
· Trennungsriten (rites de séparation)
· Schwellen- bzw. Umwandlungsriten (rites de marge)
· Angliederungsriten (rites d’agrégation)

Die Beschreibung räumlicher Riten kann quasi als Modell für Übergangsriten dienen: „Im Falle eines gewöhnlichen Wohnhauses ist die Tür die Grenze zwischen der fremden und der häuslichen Welt, im Falle eines Tempels ist sie die Grenze zwischen profaner und sakraler Welt. „Die Schelle überqueren“ bedeutet somit, sich an eine neue Welt anzugliedern, und es daher ein wichtiger Akt und Bestandteil bei Hochzeits-, Adoptions-, Ordinations- und Bestattungszeremonien.“[10]

In weiterer Folge analysiert Van Gennep zahlreiche Riten hinsichtlich dieser Struktur, wobei verschiedene Phasen nicht bei allen Riten gleich stark ausgegliedert sein müssen (zum Beispiel dauert bei Schwangerschaftsriten die Umwandlungsphase häufig sehr lang). Außerdem kann bei verschiedenen Zeremoniekomplexen auch anderen Riten große Bedeutung zukommen (zum Beispiel Abwehrriten bei Bestattungszeremonien).

Trotz der Kritik bei Erscheinen von Les rites de passage wird Van Gennep’s Modell der Übergangsriten in weiterer Folge von zahlreichen Wissenschaftlern verwendet bzw. weiterentwickelt (zum Beispiel durch Victor Turner).



Obwohl sich der Wissenschaftler Arnold Van Gennep keiner „Schule“ klar zuordnen lässt, weist seine Arbeit sowohl funktionalistische ( soziale Funktion der Übergangsriten ) als auch strukturalistische ( Form der Übergangsriten ) Element auf.

Marcel Mauss legte mit seinem Essai sur le don einen Grundstein für den Strukturalismus Lévi-Strauss.


Verwendete Literatur

Mauss Marcel, Die Gabe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1990

Van Gennep Arnold, Übergangsriten, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2005

Schomburg-Scherff Sylvia M., Nachwort, in
Van Gennep Arnold, Übergangsriten, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2005

Feest Christian F. & Kohl Karl-Heinz (Hg.), Hauptwerke der Ethnologie, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 2001

www.kfunigraz.ac.at/wozzwww/agso/lexikon/klassiker/mauss/31bio.htm, Zugriff am 5.1.2006-01-09

http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_van_Gennep, Zugriff am 9.1.2006


[1] Feest/Kohl, Seite 289
[2] Mauss, Seite 18
[3] Mauss, Seite 90
[4] Mauss, Seite 17
[5] Mauss, Seite 84
[6] Mauss, Seite 33
[7] Schomburg-Scherff, Seite 237
[8] Feest/Kohl, Seite 130
[9] Feest/Kohl, Seite 129
[10] Van Gennep, Seite 29

Thursday, November 24, 2005

Endlich ..... mein 1. Essay

Welche Hauptfragen und – anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown ? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.



Bronislaw Kaspar Malinowski (1884 – 1942) und Alfred Reginald Radcliffe-Brown (1881 – 1955) zählen zu den bedeutendsten britischen Ethnologen des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Das gleichzeitige Erscheinen von Malinowskis „Argonauts of the Western Pacific. An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea” und Radcliffe-Browns “The Andaman Islanders” 1922 - einer Zeit, die durch die Kontroverse zwischen Evolutionismus und Diffusionismus geprägt ist – markiert einen Wendepunkt in der britischen Anthropologie.

Malinowski sammelt die Daten für seine Monographie „Argonauts of the Western Pacific“ während seines (mit Unterbrechungen) fast 3 Jahren dauernden Aufenthaltes auf dem Trobriand-Archipel im Melanesien (1915 – 1918). Insgesamt verfasst Malinowski drei Monographien über die Trobriander, die bei diesem Aufenthalt gesammelten Eindrücke und Erkenntnisse sind auch Basis für seine theoretischen Schriften. In „Argonauts of the Western Pacific” setzt sich Malinowski vor allem mit dem zeremoniellen Tauschsystem der Trobriander – kula – auseinander. Im Einleitungsteil stellt er seine revolutionäre Feldforschungsmethode vor – die teilnehmende Beobachtung.

Radcliffe-Browns Monographie „The Andaman Islanders“ basiert auf einer Forschungsreise, die er bereits 1906 – 1908 auf den heute zu Indien gehörenden Andamanen im Golf von Bengalen durchführte. Die ersten vier Kapitel des Buches schreibt Radcliffe-Brown gleich nach seiner Rückkehr, sie enthalten vor allem ethnographisches Material, die Deskription sozialer Phänomene, Zeremonien und Mythen sowie zugrundeliegende religiöse Vorstellungen. Von 1910 bis 1912 forscht Radcliffe-Brown bei den Aboriginies in West-Australien, während dieser Zeit beschäftigt er sich auch mit den Arbeiten des Franzosen Émile Durkheim. Bis 1914 schreibt Radcliffe-Brown schließlich seine Analyse der auf den Andamanen gesammelten Daten nieder.


Funktionalismus

Bronislaw Malinowski gilt als Begründer des Funktionalismus. Grundlage des Funktionalismus ist die Auffassung, dass alle soziokulturellen Erscheinungen nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion betrachtet werden können. Funktionalismus basiert auf einer holistischen Betrachtungsweise: Kultur wird als Ganzes betrachtet, deren Elemente (Gegenstände, Einstellungen und Handlungen) in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Der Funktionalismus ist ein ahistorischer Ansatz, das bedeutet, dass kulturelle Elemente nur durch seine Funktion in der Gegenwart definiert werden. Dies ist auch ein Hauptkritikpunkt der Gegner des Funktionalismus. Weiters wird der Funktionalismus als statische Theorie kritisiert: Veränderungen werden nicht berücksichtigt.

In seinem Spätwerk „A Scientific Theory of Culture“ (1944) fasst Malinowski seine theoretischen Überlegungen zusammen: Sein Konzept von Funktion ist grundsätzlich ausgerichtet auf die Basis menschlicher Bedürfnisse. Er geht von sieben biologischen Bedürfnissen des Menschen und deren entsprechenden kulturellen „Antworten“ aus (zum Beispiel Reproduktion – Verwandtschaft). Funktion kann als Leistung eines soziokulturellen Phänomens in Bezug auf die Befriedigung eines Bedürfnisses angesehen werden. Diese biologische Orientierung wird unter anderem von Radcliffe-Brown kritisiert.

„Der Funktionalismus prägte die Ethnologie tiefgreifend, wenngleich er unter dem Einfluss von Radcliffe-Brown schon bald den Wandel zum Strukturfunktionalismus durchlaufen sollte.“ ( Seite 280, Feest/Kohl, Hauptwerke der Ethnologie)


Strukturfunktionalismus

Der Strukturfunktionalismus Radcliffe-Browns setzt auf einem höheren Abstraktionsniveau an als Malinowskis Funktionalismus. Grundlegend ist die Frage nach der Funktion soziokultureller Prozesse im Hinblick auf das Funktionieren der sozialen Struktur ( Grundgerüst) einer Gesellschaft. Dem Individuum kommt bei der Analyse solcher Funktionen keine Bedeutung zu.

In seiner Monographie „The Andaman Islanders“ analysiert Radcliffe-Brown beispielsweise die soziale Funktion von Zeremonien. Diese sieht er in der Erzeugung von Emotionen, welche letztendlich den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichern.

Kritisiert wird der Strukturfunktionalismus vor allem für seine allzu starke Orientierung an sozialen Strukturen und gleichzeitige Herabsetzung des Individuums (das Individuum ist lediglich als „Rollenträger“ von Bedeutung). Ebenso gelten wie schon beim Funktionalismus ahistorische und statische Orientierung als Kritikpunkte.



Bedeutung

Auf die direkt nachfolgende Generation nehmen sowohl Malinowski als auch Radcliffe-Brown als Lehrer großen Einfluss. Malinowski unterrichtet lange Zeit an der London School of Economics. Diese bleibt lange Zeit die einzige Institution in Großbritannien, an der die „neue Richtung“ der britischen Anthropologie unterrichtet wird. Radcliffe-Brown hingegen kann in England lange Zeit nicht Fuß fassen und lehrt unter anderem an den Universitäten vom Alexandria, Cape Town, Chicago und Sydney. Erst 1937 kehrt er nach England (Oxford) zurück.

Von größter Bedeutung ist Malinowskis Rolle als „Vater“ der teilnehmenden Beobachtung, deren Grundprinzipien er bereits in „Argonauts of the Western Pacific“ darlegt. Wichtige Punkte sind das Erlernen der jeweiligen Sprache, die Teilnahme am sozialen Leben (bis hin zum „going native“) sowie die exakte Aufzeichnung des gesamten Forschungsprozesses (wobei Malinowskis eigene Feldforschungstagebücher bei der posthumen Veröffentlichung große Diskussionen auslösen).

Radcliffe-Browns Bedeutung ist eher auf theoretischem Gebiet zu finden. Sein Ziel war es, eine Naturwissenschaft der menschlichen Gesellschaft zu etablieren. Diese Theorie konnte sich nicht durchsetzen, jedoch hatte sein Konzept der sozialen Strukturen großen Einfluss auf die Arbeiten seiner Schüler und nachfolgender Generationen.

Malinowski und Radcliffe-Brown gelten als die Gründerväter der british social anthropology. Ihre Bedeutung für die Überwindung des Evolutionismus und des Diffusionismus ist unbestritten.



Verwendete Literatur:

Feest Christian F. und Kohl Karl-Heinz (Hsg), Hauptwerke der Ethnologie, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 2001

Panoff Michael und Perrin Michel, Taschenwörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, 2000

Barth Frederik, Gringrich Andre, Parkin Robert, Silverman Sydel, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology, University of Chicago Press, Chicago, 2005

Barnard Alan, History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press, Cambridge, 2000

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/bronislaw_malinowski.html

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html

Friday, October 21, 2005

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