Geschichte der KSA - Tutorium

Thursday, November 24, 2005

Endlich ..... mein 1. Essay

Welche Hauptfragen und – anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown ? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.



Bronislaw Kaspar Malinowski (1884 – 1942) und Alfred Reginald Radcliffe-Brown (1881 – 1955) zählen zu den bedeutendsten britischen Ethnologen des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Das gleichzeitige Erscheinen von Malinowskis „Argonauts of the Western Pacific. An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea” und Radcliffe-Browns “The Andaman Islanders” 1922 - einer Zeit, die durch die Kontroverse zwischen Evolutionismus und Diffusionismus geprägt ist – markiert einen Wendepunkt in der britischen Anthropologie.

Malinowski sammelt die Daten für seine Monographie „Argonauts of the Western Pacific“ während seines (mit Unterbrechungen) fast 3 Jahren dauernden Aufenthaltes auf dem Trobriand-Archipel im Melanesien (1915 – 1918). Insgesamt verfasst Malinowski drei Monographien über die Trobriander, die bei diesem Aufenthalt gesammelten Eindrücke und Erkenntnisse sind auch Basis für seine theoretischen Schriften. In „Argonauts of the Western Pacific” setzt sich Malinowski vor allem mit dem zeremoniellen Tauschsystem der Trobriander – kula – auseinander. Im Einleitungsteil stellt er seine revolutionäre Feldforschungsmethode vor – die teilnehmende Beobachtung.

Radcliffe-Browns Monographie „The Andaman Islanders“ basiert auf einer Forschungsreise, die er bereits 1906 – 1908 auf den heute zu Indien gehörenden Andamanen im Golf von Bengalen durchführte. Die ersten vier Kapitel des Buches schreibt Radcliffe-Brown gleich nach seiner Rückkehr, sie enthalten vor allem ethnographisches Material, die Deskription sozialer Phänomene, Zeremonien und Mythen sowie zugrundeliegende religiöse Vorstellungen. Von 1910 bis 1912 forscht Radcliffe-Brown bei den Aboriginies in West-Australien, während dieser Zeit beschäftigt er sich auch mit den Arbeiten des Franzosen Émile Durkheim. Bis 1914 schreibt Radcliffe-Brown schließlich seine Analyse der auf den Andamanen gesammelten Daten nieder.


Funktionalismus

Bronislaw Malinowski gilt als Begründer des Funktionalismus. Grundlage des Funktionalismus ist die Auffassung, dass alle soziokulturellen Erscheinungen nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion betrachtet werden können. Funktionalismus basiert auf einer holistischen Betrachtungsweise: Kultur wird als Ganzes betrachtet, deren Elemente (Gegenstände, Einstellungen und Handlungen) in gegenseitiger Abhängigkeit stehen. Der Funktionalismus ist ein ahistorischer Ansatz, das bedeutet, dass kulturelle Elemente nur durch seine Funktion in der Gegenwart definiert werden. Dies ist auch ein Hauptkritikpunkt der Gegner des Funktionalismus. Weiters wird der Funktionalismus als statische Theorie kritisiert: Veränderungen werden nicht berücksichtigt.

In seinem Spätwerk „A Scientific Theory of Culture“ (1944) fasst Malinowski seine theoretischen Überlegungen zusammen: Sein Konzept von Funktion ist grundsätzlich ausgerichtet auf die Basis menschlicher Bedürfnisse. Er geht von sieben biologischen Bedürfnissen des Menschen und deren entsprechenden kulturellen „Antworten“ aus (zum Beispiel Reproduktion – Verwandtschaft). Funktion kann als Leistung eines soziokulturellen Phänomens in Bezug auf die Befriedigung eines Bedürfnisses angesehen werden. Diese biologische Orientierung wird unter anderem von Radcliffe-Brown kritisiert.

„Der Funktionalismus prägte die Ethnologie tiefgreifend, wenngleich er unter dem Einfluss von Radcliffe-Brown schon bald den Wandel zum Strukturfunktionalismus durchlaufen sollte.“ ( Seite 280, Feest/Kohl, Hauptwerke der Ethnologie)


Strukturfunktionalismus

Der Strukturfunktionalismus Radcliffe-Browns setzt auf einem höheren Abstraktionsniveau an als Malinowskis Funktionalismus. Grundlegend ist die Frage nach der Funktion soziokultureller Prozesse im Hinblick auf das Funktionieren der sozialen Struktur ( Grundgerüst) einer Gesellschaft. Dem Individuum kommt bei der Analyse solcher Funktionen keine Bedeutung zu.

In seiner Monographie „The Andaman Islanders“ analysiert Radcliffe-Brown beispielsweise die soziale Funktion von Zeremonien. Diese sieht er in der Erzeugung von Emotionen, welche letztendlich den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichern.

Kritisiert wird der Strukturfunktionalismus vor allem für seine allzu starke Orientierung an sozialen Strukturen und gleichzeitige Herabsetzung des Individuums (das Individuum ist lediglich als „Rollenträger“ von Bedeutung). Ebenso gelten wie schon beim Funktionalismus ahistorische und statische Orientierung als Kritikpunkte.



Bedeutung

Auf die direkt nachfolgende Generation nehmen sowohl Malinowski als auch Radcliffe-Brown als Lehrer großen Einfluss. Malinowski unterrichtet lange Zeit an der London School of Economics. Diese bleibt lange Zeit die einzige Institution in Großbritannien, an der die „neue Richtung“ der britischen Anthropologie unterrichtet wird. Radcliffe-Brown hingegen kann in England lange Zeit nicht Fuß fassen und lehrt unter anderem an den Universitäten vom Alexandria, Cape Town, Chicago und Sydney. Erst 1937 kehrt er nach England (Oxford) zurück.

Von größter Bedeutung ist Malinowskis Rolle als „Vater“ der teilnehmenden Beobachtung, deren Grundprinzipien er bereits in „Argonauts of the Western Pacific“ darlegt. Wichtige Punkte sind das Erlernen der jeweiligen Sprache, die Teilnahme am sozialen Leben (bis hin zum „going native“) sowie die exakte Aufzeichnung des gesamten Forschungsprozesses (wobei Malinowskis eigene Feldforschungstagebücher bei der posthumen Veröffentlichung große Diskussionen auslösen).

Radcliffe-Browns Bedeutung ist eher auf theoretischem Gebiet zu finden. Sein Ziel war es, eine Naturwissenschaft der menschlichen Gesellschaft zu etablieren. Diese Theorie konnte sich nicht durchsetzen, jedoch hatte sein Konzept der sozialen Strukturen großen Einfluss auf die Arbeiten seiner Schüler und nachfolgender Generationen.

Malinowski und Radcliffe-Brown gelten als die Gründerväter der british social anthropology. Ihre Bedeutung für die Überwindung des Evolutionismus und des Diffusionismus ist unbestritten.



Verwendete Literatur:

Feest Christian F. und Kohl Karl-Heinz (Hsg), Hauptwerke der Ethnologie, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 2001

Panoff Michael und Perrin Michel, Taschenwörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, 2000

Barth Frederik, Gringrich Andre, Parkin Robert, Silverman Sydel, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology, University of Chicago Press, Chicago, 2005

Barnard Alan, History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press, Cambridge, 2000

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/bronislaw_malinowski.html

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html